Presse

Grußwort der Senatsdirektorin Marie-Luise Tolle

Grußwort der Senatsdirektorin // Kultwerk West Hamburg // 8. - 11. November 2007

Sehr geehrte Frau Jensen, 
sehr geehrte Frau Berenberg,
sehr geehrte Frau Hein, verehrte Gäste,

zunächst herzliche Grüße von Frau Senatorin Prof. Dr. Karin von Welck, die gerne gekommen wäre. Sie muss heute in der Bürgerschaft sprechen, weshalb ich die Ehre habe, sie zu vertreten.

Das Kultwerk West, das öffentliche Wohnzimmer Altonas, wie es sich selbst nennt, ist durch Ihre Gründer und Macher in einem rasanten Tempo inzwischen zu einer weit über Altona und Hamburg hinaus bekannten Einrichtung geworden, die vielen Menschen unzählige Impulse gibt. Das Erfolgsprogramm ist eine attraktive Mischung aus spartenübergreifenden Themen und vielfältigen Veranstaltungsformen. In dem „Wohnzimmer“ findet immer Austausch statt: Theoriediskussionen werden geführt, es wird unterhalten, es gibt Denkanstöße im Hinblick auf Zukunftsfragen oder es werden brennende Probleme regionaler oder überregionaler Art zum Zeitgeschehen beleuchtet.

Dieses spannende Programm konzipieren und organisieren ehrenamtlich zehn Macherinnen und Macher mit den verschiedensten Berufen höchst kreativ und mit mächtig viel Schwung. Ihre äußert engagierte Arbeit ist ein großer Gewinn für das kulturelle Leben in Hamburg. Der heutige Abend ist dem Maler Gerhart Hein gewidmet. Er lebte von 1910-1998 und gehört zur „verschollenen“ Generation. Sein Schicksal ist zugleich Beispiel und Auslöser für das heutige Kultwerk-Gespräch über Publikationsmöglichkeiten von Künstlern dieser Generation. 1910 wurde Gerhart Hein in Breslau geboren und besuchte nach Abschluss einer Lehre als Maurer von 1929-1932 die staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau, die damals Furore machte, denn renommierte Künstler wie Otto Mueller, Oskar Moll, Johannes Itten, Carlo Mense und Oskar Schlemmer lehrten dort.. Hein hatte das Glück, mit 19 Jahren in die Akademie aufgenommen zu werden, weil Otto Mueller aufgrund seiner Arbeiten, die er anlässlich eines Besuchs bei seinem Freund Kowalski sah, Heins Talent sofort erkannte. Er nahm ihn ohne die übliche Prüfung in seiner Klasse seiner Akademie auf, was eine ganz besondere Auszeichnung bedeutete, denn Otto Mueller war einer der wichtigsten Maler der bekannten Künstlergemeinschaft „Brücke“. Als die Akademie 1933 geschlossen wurde, war Gerhart Hein erst 23 Jahre und seine Entwicklung wurde jäh unterbrochen. Trotz seiner Jugend zählte er zu den „Entarteten“. Ein Stillleben von ihm wurde als solches aus dem Schlesischen Museum der Bildenden Künste Breslau 1937 im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt.


Unter den Malern, die in ihrer Entwicklung isoliert wurden, zählte Gerhart Hein zu den jüngsten. Er leistete Kriegsdienst und geriet 1945-1947 in englische Kriegsgefangenschaft. Von seinen Arbeiten aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg blieb fast nichts erhalten, denn auf der Flucht von Schlesien nach Nürnberg musste seine Frau die meisten Werke zurücklassen. Sein Leben und das Leben seiner Frau sowie seiner in der Zwischenzeit geborenen drei Kinder waren gerettet, seine bisherige künstlerische Leistung war aber verloren.

1947 nahm er das Malen wieder auf, musste aber primär für den Lebensunterhalt seiner Familie sorgen. So entstand sein Hauptwerk in der Zeit zwischen 1950 und 1964 „nebenbei“, am Feierabend und an den Wochenenden. Er trat aber mit seinen Arbeiten nie an die Öffentlichkeit. Doch als seine Frau und Muse schwer erkrankte, gab er das eigene künstlerische Arbeiten völlig auf.

Trotzdem interessierte ihn weiter die Vielfalt künstlerischen Schaffens. Seine Enkelin Ines Hein beschreibt ihren Großvater in dem Katalog „Gerhart Hein- Die imaginäre Substanz“ eindrucksvoll. „Wenn man überhaupt von einem aktiven bildenden Künstler zu einem passiv rezipierenden Künstler werden kann, dann erlebte er diesen Wandel nach Beendigung seines Werkes durch die unentwegte Beschäftigung mit bildender Kunst und Kunstkritik.“ Gerhart Hein starb im Alter von 88 Jahren.

Sein vergleichsweise kleines künstlerisches Lebenswerk, von dem wir hier einen Ausschnitt sehen, ist ein Gefüge aus Farbstrukturen mit einer eigenständigen Farb- und Formensprache. Gerhart Hein teilt sein Schicksal mit vielen seiner Zeitgenossen, deren Entwicklung durch das Zeitgeschehen jäh unterbrochen wurde und an die häufig nach dem Krieg aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in gleicher Intensität wieder angeknüpft werden konnte. Der engagierte und unermüdliche Einsatz mit dem seine Tochter Almuth Hein ihrem Vater bisher den Weg in die Öffentlichkeit ebnet, zumindest posthum, ist bemerkenswert. Zu Lebzeiten hätte er dies wahrscheinlich auch gar nicht zugelassen, so zurückgezogen wie er künstlerisch tätig war.

Ich wünsche Ihnen nun ein anregendes Gespräch mit Frau Hein und anderen Fachleuten über Wege und Möglichkeiten, Künstler der verschollenen Generation an das Licht der Öffentlichkeit zu bringen.