Schloss als Trutzburg eines Verfemten

Schloss als Trutzburg eines Verfemten // Neuer Tag // 5. Juni 2009

Ausstellung mit Bildern von Gerhart Hein in Stefling - Ein Künstler und die Geschichte

Er war Student an der berühmten Breslauer Kunstakademie, genoss Unterricht bei Größen wie Otto Müller, Oskar Schlemmer, Oskar Moll und Johannes Molzahn. Doch erst seit rund drei Jahren stehen Werke des von den Nazis verfemten Gerhart Hein ( 1910 - 1998 ) im Rampenlicht. An drei Wochenenden sind sie nun auf Schloss Stefling zu sehen. Heute wird eine Vernissage vorgeschaltet.

Das Schloss Stefling im idyllischen Regental hat sich längst als Veranstaltungsort für Kunst einen sehr guten Ruf über die Region hinaus erworben. Gundula Liebisch erweitert diese Tatsache nun um eine hochkarätige Präsentation. An den kommenden drei Wochenenden ist die Werkausstellung mit den Bildern von Gerhart Hein jeweils samstags und sonntags von 13 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen.

Schmerzhafte Zäsur
Gerhart Hein: 1910 in Breslau geboren, absolviert er eine Lehre als Maurer und Bauzeichner, die er 1928 mit der Gesellenprüfung abschließt. Sein Wunsch, künstlerisch zu arbeiten, ist von Anfang an stark ausgeprägt und der junge Mann besitzt großes Talent. Im April 1929 kann er ohne Vorklasse das Malereistudium an der Kunstakademie aufnehmen. Im März 1933 heiratet er Elisabeth Friedrichs, die aus gutem Hause stammt. Dann die schmerzhafte Zäsur: Die neuen Nazimachthaber proklamieren die Säuberung, auch die Werke Heins fallen unter die Rubrik - entartete Kunst - und werden aus den Museen entfernt. Das Berufsverbot trifft ihn hart. Bis zuletzt spricht er von einer Traumatisierung. Von 1935 bis 1939 arbeitet der Künstler auf verschiedenen Baustellen. Am 2. Dezember muss er einrücken. Den Kriegsdienst, vornehmlich an der Ostfront, bezeichnet Hein als menschenverachtend und barbarisch.


Pinsel weggelegt
Bei Kriegsende muss die Familie zu Verwandten nach Nürnberg fliehen. Zurück bleiben alle Werke, die Hein bis dahin geschaffen hat. Sie sind bis heute unauffindbar. Im August 1947 kehrt Gerhart Hein aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Als nicht betroffen an der aktiven Mitwirkung bei den Kriegsverbrechen der Nazis eingestuft, bekommt er vom Berufsverband Freier Künstler Nürnberg die Qualifizierung als Maler. Gerhart Hein kann vom Malen allein seine Familie nicht ernähren. Er arbeitet in verschiedenen Sparten, liest, schreibt und sammelt Kunstkataloge und Bildbände. 1968 stirbt seine Frau, der künstlerische Lebensfaden reißt. Hein legt Pinsel und Stift endgültig zur Seite. Zwei Jahre später heiratet er Hildegard Mörtel. Ach diese Ehe wird als sehr glücklich beschrieben.

Wie erwähnt, sind die Bilder Heins erst seit 2006 öffentlich bekannt. Ausgewählte Werke waren bislang in Solingen sowie im Kunstmuseum Bayreuth zu sehen. Nun macht die Werkschau Station auf Schloss Stefling. Bei der heutigen Vernissage ist auch Almuth Hein, die Tochter des Künstlers, anwesend. Die Einführung erfolgt durch Dr. Petra Hölscher von der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne München.

Eine besondere Note erhält die Veranstaltung durch Konzertsänger Walter Kirchmeier aus der Schweiz. In Begleitung der Regensburger Pianistin Annegret Gieseke bringt er Lieder von Händel, Schubert und Bach. Almuth Hein ist zudem an den drei Wochenenden präsent und steht für Erläuterungen zur Verfügung.

 


 

Grußwort der Senatsdirektorin Marie-Luise Tolle

Grußwort der Senatsdirektorin // Kultwerk West Hamburg // 8. - 11. November 2007

Sehr geehrte Frau Jensen, 
sehr geehrte Frau Berenberg,
sehr geehrte Frau Hein, verehrte Gäste,

zunächst herzliche Grüße von Frau Senatorin Prof. Dr. Karin von Welck, die gerne gekommen wäre. Sie muss heute in der Bürgerschaft sprechen, weshalb ich die Ehre habe, sie zu vertreten.

Das Kultwerk West, das öffentliche Wohnzimmer Altonas, wie es sich selbst nennt, ist durch Ihre Gründer und Macher in einem rasanten Tempo inzwischen zu einer weit über Altona und Hamburg hinaus bekannten Einrichtung geworden, die vielen Menschen unzählige Impulse gibt. Das Erfolgsprogramm ist eine attraktive Mischung aus spartenübergreifenden Themen und vielfältigen Veranstaltungsformen. In dem „Wohnzimmer“ findet immer Austausch statt: Theoriediskussionen werden geführt, es wird unterhalten, es gibt Denkanstöße im Hinblick auf Zukunftsfragen oder es werden brennende Probleme regionaler oder überregionaler Art zum Zeitgeschehen beleuchtet.

Dieses spannende Programm konzipieren und organisieren ehrenamtlich zehn Macherinnen und Macher mit den verschiedensten Berufen höchst kreativ und mit mächtig viel Schwung. Ihre äußert engagierte Arbeit ist ein großer Gewinn für das kulturelle Leben in Hamburg. Der heutige Abend ist dem Maler Gerhart Hein gewidmet. Er lebte von 1910-1998 und gehört zur „verschollenen“ Generation. Sein Schicksal ist zugleich Beispiel und Auslöser für das heutige Kultwerk-Gespräch über Publikationsmöglichkeiten von Künstlern dieser Generation. 1910 wurde Gerhart Hein in Breslau geboren und besuchte nach Abschluss einer Lehre als Maurer von 1929-1932 die staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau, die damals Furore machte, denn renommierte Künstler wie Otto Mueller, Oskar Moll, Johannes Itten, Carlo Mense und Oskar Schlemmer lehrten dort.. Hein hatte das Glück, mit 19 Jahren in die Akademie aufgenommen zu werden, weil Otto Mueller aufgrund seiner Arbeiten, die er anlässlich eines Besuchs bei seinem Freund Kowalski sah, Heins Talent sofort erkannte. Er nahm ihn ohne die übliche Prüfung in seiner Klasse seiner Akademie auf, was eine ganz besondere Auszeichnung bedeutete, denn Otto Mueller war einer der wichtigsten Maler der bekannten Künstlergemeinschaft „Brücke“. Als die Akademie 1933 geschlossen wurde, war Gerhart Hein erst 23 Jahre und seine Entwicklung wurde jäh unterbrochen. Trotz seiner Jugend zählte er zu den „Entarteten“. Ein Stillleben von ihm wurde als solches aus dem Schlesischen Museum der Bildenden Künste Breslau 1937 im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt.


Unter den Malern, die in ihrer Entwicklung isoliert wurden, zählte Gerhart Hein zu den jüngsten. Er leistete Kriegsdienst und geriet 1945-1947 in englische Kriegsgefangenschaft. Von seinen Arbeiten aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg blieb fast nichts erhalten, denn auf der Flucht von Schlesien nach Nürnberg musste seine Frau die meisten Werke zurücklassen. Sein Leben und das Leben seiner Frau sowie seiner in der Zwischenzeit geborenen drei Kinder waren gerettet, seine bisherige künstlerische Leistung war aber verloren.

1947 nahm er das Malen wieder auf, musste aber primär für den Lebensunterhalt seiner Familie sorgen. So entstand sein Hauptwerk in der Zeit zwischen 1950 und 1964 „nebenbei“, am Feierabend und an den Wochenenden. Er trat aber mit seinen Arbeiten nie an die Öffentlichkeit. Doch als seine Frau und Muse schwer erkrankte, gab er das eigene künstlerische Arbeiten völlig auf.

Trotzdem interessierte ihn weiter die Vielfalt künstlerischen Schaffens. Seine Enkelin Ines Hein beschreibt ihren Großvater in dem Katalog „Gerhart Hein- Die imaginäre Substanz“ eindrucksvoll. „Wenn man überhaupt von einem aktiven bildenden Künstler zu einem passiv rezipierenden Künstler werden kann, dann erlebte er diesen Wandel nach Beendigung seines Werkes durch die unentwegte Beschäftigung mit bildender Kunst und Kunstkritik.“ Gerhart Hein starb im Alter von 88 Jahren.

Sein vergleichsweise kleines künstlerisches Lebenswerk, von dem wir hier einen Ausschnitt sehen, ist ein Gefüge aus Farbstrukturen mit einer eigenständigen Farb- und Formensprache. Gerhart Hein teilt sein Schicksal mit vielen seiner Zeitgenossen, deren Entwicklung durch das Zeitgeschehen jäh unterbrochen wurde und an die häufig nach dem Krieg aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in gleicher Intensität wieder angeknüpft werden konnte. Der engagierte und unermüdliche Einsatz mit dem seine Tochter Almuth Hein ihrem Vater bisher den Weg in die Öffentlichkeit ebnet, zumindest posthum, ist bemerkenswert. Zu Lebzeiten hätte er dies wahrscheinlich auch gar nicht zugelassen, so zurückgezogen wie er künstlerisch tätig war.

Ich wünsche Ihnen nun ein anregendes Gespräch mit Frau Hein und anderen Fachleuten über Wege und Möglichkeiten, Künstler der verschollenen Generation an das Licht der Öffentlichkeit zu bringen.

 


 

Ausstellung des verfemten Künstlers Gerhart Hein

Ausstellung des verfemten Künstlers Gerhart Hein // Solinger Tagblatt // 16.09.2006

(kc) Oskar Mueller erkannte das Talent von Gerhart Hein sofort, als er ein von ihm gezeichnetes Kohleporträt sah. Der Expressionist holte den jungen Mann in seine Klasse an der Staatlichen Akademie für Künste in Breslau. Das war 1929. Da war Gerhart Hein gerade 19 Jahre alt. Drei Jahre später schloss die Akademie. Zwischen 1933 und 1935 beantragte Gerhart Hein bei der "Reichskulturkammer" seine Aufnahme, damit er als freischaffender Künstler mit seiner Frau Elisabeth leben und arbeiten gekonnt hätte. Vergeblich! Die Nationalsozialisten lehnten die Aufnahme ab. Gerhart Hein malte anschließend nur noch privat.


Jetzt zeigt das Museum Baden eine Ausstellung des schon früh verfemten Künstlers. "Die Familie ist an mich herangetreten", erklärt Museumsleiter Dr. Rolf Jessewitsch. "Gerhart Hein war hoch talentiert und passt zu unserem Schwerpunkt: verfemte Kunst." "Ich bin froh, dass wir jetzt einen Teil der Arbeiten öffentlich zugänglich machen können", betont Rolf Jessewitsch. Von den Werken aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg ist kaum noch etwas vorhanden. Lediglich das Kohleporträt, das ihm den Zugang zu Otto Muellers Klasse öffnete, hatte Gerhart Heins Frau auf der Flucht als junge Mutter unter die Matratze in den Kinderwagen ihrer Tochter gelegt. Das Porträt ist in der Ausstellung zu finden. Die dort gezeigten Aquarelle, Collagen, Zeichnungen und Ölbilder sind in den 50er und 60er Jahre entstanden und zeichnen sich durch hohe Farbintensität und eine ausgezeichnete Technik aus.

 


 

Museum Baden Solingen

Museum Baden Solingen // 10. September - 22. Oktober 2006

Einladung zur Ausstellungseröffnung

Gerhart Hein (1910-1998) studierte bis 1932 an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau bei Otto Müller, Alexander Kanoldt, Oskar Moll, Johannes Molzahn, Carlo Mense und Oskar Schlemmer. Während der Naziherrschaft wird ihm die Aufnahme in die „Reichskulturkammer“ verweigert. Während des Krieges wird er mehrfach verwundet und gerät in Gefangenschaft. Eine Rückkehr zur Familie ist erst 1947 möglich. Nach dem Krieg ist es ihm nicht möglich, als Künstler die verdiente Anerkennung zu finden. Hein arbeitet als Grafiker und Polier, um seine Familie versorgen zu können.



Das künstlerische Werk stammt fast ausnahmslos aus den Jahren von 1946 bis 1964 und wird im Jahr 2006 erstmalig veröffentlicht. Arbeiten aus der Zeit vor dem Krieg wurden zerstört oder gingen in den Kriegswirren verloren. Eine Arbeit Heins wurde von den Nazis als „entartet“ beschlagnahmt. Nach dem Krieg entwickelte Hein lichtdurchflutete Farbflächen und Farbräume. Er nennt seine Kompositionselemente eine „imaginäre Substanz“. Sein Werk spiegelt die an der Akademie erfahrenen Traditionen und ist Zeugnis ständig einer ständigen Rezeption aktueller Kunstströmungen.

 


 

Ein Künstlerleben zwischen Baustelle und Familie: Das Kunstmuseum Bayreuth würdigt den Nürnberger Maler Gerhart Hein mit einer ersten Werkschau

Ein Künstlerleben zwischen Baustelle und Familie // Nürnberger Nachrichten / Kultur // 11.05.2006

In den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens begegnete man dem Maler Gerhart Hein (1910—1998) regelmäßig in allen Nürnberger Museen, Galerien und in den Kunstabteilungen der großen Buchhandlungen. Dass der überaus korrekte, zurückhaltende Mann während der 50er Jahre selbst ein herausragendes malerisches Werk geschaffen hatte, wusste damals kaum mehr jemand. Die Bedeutung Gerhart Heins ist erst jetzt zu entdecken. Die allererste Werkschau des Künstlers präsentiert derzeit das Kunstmuseum Bayreuth. Im Herbst wird die von einem umfangreichen Katalog begleitete Ausstellung vom Museum Baden in Solingen übernommen. Als Gerhart Hein 1929 sein Studium an der renommierten Breslauer Kunstakademie begann, schien ihm schon nach kurzer Zeit eine beachtliche Karriere sicher. Er besuchte den Unterricht von Berühmtheiten wie Otto Mueller, Alexander Kanoldt und Oskar Moll, die den begabten jungen Mann durchweg förderten. Mueller hatte dafür gesorgt, dass Hein ohne die sonst obligatorische Aufnahmeprüfung und ohne Besuch der so genannten „Vorklasse“ zum ordentlichen Studium zugelassen worden war. Gleich in seinem ersten Jahr wurde eine seiner Arbeiten an prominenter Stelle im Katalog der Akademieausstellung reproduziert. 

Doch dann kam das Jahr 1933. Unmittelbar nach dem Ende von Heins Studienzeit wurde die Breslauer Kunstakademie von der NS-Regierung geschlossen, die allermeisten der ehemaligen Professoren galten nun als „entartet“. Kein Wunder eigentlich, dass deren „Musterschüler“ Gerhart Hein die für eine weitere künstlerische Betätigung notwendige Aufnahme in die „Reichskulturkammer“ verweigert wurde. Da er vor seinem Akademiestudium eine Mauererlehre absolviert hatte, konnte er sich bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges mit wechselnden Tätigkeiten im Baugewerbe durchschlagen. Eher kümmerlich, da er mittlerweile Frau und Kinder hatte. 



Nach dem Krieg, den er als Zugführer einer Panzerdivision überstand, verbrachte er weitere zwei Jahre in englischer Kriegsgefangenschaft, bevor er zu seinen aus Schlesien nach Nürnberg geflohenen Angehörigen heimkehren konnte. 1947 bescheinigte ihm die „Prüfungsstelle“ des Berufsverbandes Freier Künstler Nürnberg, ein professioneller Maler zu sein. 

Im „Kleeblatt-Club“ 
Doch in der Praxis war es schier unmöglich, den Lebensunterhalt für die fünfköpfige Familie ausschließlich mit künstlerischer Arbeit zu verdienen. So wurde Hein schließlich Wachmann bei der „Industrial Police“ der US-Militärregierung. 1950 wechselte er dann als Angestellter zum Nürnberger „Labor Service Center“ der Army, wo er zunächst als Zeichner, später auch als Veranstaltungsmanager im „Kleeblatt-Club“ der Amerikaner arbeitete. 

Im Zuge der Remilitarisierung West-Deutschland baute die US-Army auch in Nürnberg Zivilpersonal ab. Gerhart Hein wurde „in allen Ehren“ und im Rang eines „Master Sergeant“ entlassen. Bereits zwei Tage später stellte ihn die Nürnberger Baufirma Ulrich als Vorarbeiter ein. In den folgenden Jahren hat er auf vielen Baustellen mitgeholfen, die zerstörte Stadt wiederaufstehen zu lassen. Das sich abzeichnende „Wirtschaftswunder“ stimmte ihn zunehmend optimistisch, weshalb er ab 1956 verstärkt wieder zu malen begann. Jede freie Minute, die ihm der anstrengende Brotberuf ließ, verbrachte er mit Pinseln und Farben. Frau und Kinder mussten sich seiner Passion unterordnen. 

Nie wieder gemalt 
So schien es zumindest bis zum Jahr 1965, in dem seine Frau an Parkinson erkrankte. Da gab Gerhart Hein ohne Zögern die Kunst auf, um sich ganz ihrer Pflege widmen zu können. Auch nachdem sie 1968 gestorben war, hat er nie wieder gemalt. Die Bayreuther Ausstellung zeigt nun ein Lebenswerk, das unter den denkbar schwierigsten Bedingungen in knapp anderthalb Jahrzehnten entstanden ist.

von Bernd Zachow

 


 

Kunstmuseum Bayreuth zeigt Ausstellung
„Die imaginäre Substanz” von Gerhart Hein im Neuen Rathaus

Kunstmuseum Bayreuth zeigt "Die imaginäre Substanz" // Nordbayerischer Kurier // 11.05.2006

Nein, beim Malen habe sie ihren Großvater nie erlebt, erzählt Ines Hein. Genau erinnern kann sich die Enkelin aber noch an das Künstlerzimmer ihres Großvaters. Im so genannten „blauen Zimmer” lagerten alle Bilder und Material zum Collagieren. Daneben diente der Raum auch ganz unkünstlerischen Zwecken. Da er unbeheizt war, kühlte die Familie dort ihre Getränke. Kunst sei für Gerhart Hein etwas höchst Privates gewesen, sagt seine Enkelin. Er hätte nie den Versuch unternommen, seine Werke in der Öffentlichkeit zu zeigen. Was ihr Großvater, der 1998 gestorben ist, denn wohl zur Ausstellung seiner Werke, die am Mittwochabend in Neuen Rathaus in Bayreuth eröffnet worden ist, sagen würde? „Ich glaube, er würde sich darüber freuen, wie das hier präsentiert wird”, sagt Ines Hein. Der Enkelin und der Tochter des Künstlers, Almuth Hein, ist die Initiative zu der Schau zu verdanken. Noch nie wurden die Werke öffentlich gezeigt. In den Landkreis Nürnberg
Gerhart Hein ist im selben Jahr geboren wie Inge Meisel, er war Zeitgenosse von Victor Vasarely und er begann im Jahr 1929 sein Studium an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Breslau. Museumsleiterin Marina von Assel erinnerte in ihrer Rede an die Zeit nach dem Krieg und der Gefangenschaft, in der sich die jungen Künstler völlig neu orientieren mussten. 1947 kehrte Hein zu seiner geflohenen Familie zurück, die sich im Landkreis Nürnberg niedergelassen hatte. Abgeschieden von den großen Kunstmetropolen entstand ein Werk, das Marina von Assel als „Gegenwelt zu der ihn umgebenden Alltagswirklichkeit” bezeichnete. 

Heins Bedürfnis zum Abstrahieren sei bereits in den kleinformatigen Landschaften der vierziger und fünfziger Jahre zu erkennen. Später setzte sich Hein mit Kubismus und dem Informel auseinander und ging parallel zur Abstraktion der Nachkriegszeit seinen eigenen Weg. 

In der Ausstellung im Neuen Rathaus, die den Titel „Die imaginäre Substanz” trägt, sind zum einen Bilder aus einer frühen Schaffensperiode zu sehen, die hauptsächlich Landschaften zeigen. Der größere Teil der Ausstellung zeigt Werke der Nachkriegszeit, deren Motive einen zunehmenden Grad an Abstraktion erkennen lassen. Zugleich verdichten sich die Flächen durch intensive Farben und Linienstrukturen. 

Was Gerhart Heins Handschrift charakterisiert, formulierte Rolf Jessewitsch vom Museum Baden in Solingen in seinem Einführungsvortrag so: „Seine Werke sind geprägt vom Zusammenspiel von Linien, die sie strukturieren, und Farben, die sie ausfüllen.” Darüber hinaus bringe der Künstler oft den Faktor Zeit in seine Werke mit hinein, indem er frühere „Zustände” zu einem späteren Zeitpunkt aufgreift und neu bearbeitet. In diesem Zusammenhang nannte Jessewitsch den Begriff der „imaginären Substanz”. Zur Ausstellung, die in Kooperation mit dem Museum Baden in Solingen entstanden ist, ist auch ein umfangreicher Katalog erschienen. Er enthält neben zahlreichen Abbildungen auch den Text „Neugeschaffene Materien und unkontrollierte Natur”, den der Künstler im Jahr 1962 geschrieben hat. 

Obendrein konnten die Besucher der Vernissage eine Premiere erleben: Dr. Michael Hohl eröffnete seine erste Ausstellung als Oberbürgermeister der Stadt Bayreuth.

von Roman Kocholl